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Stückchenweise ungezähmt: Wilhelmsburg und die Wildnis

Wilhelmsburg

Letzten Sonntag besuchten wir einen Fleck in Wilhelmsburg über den das Abendblatt schreibt:

Feiner weißer Sandstrand in Südlage, Schatten spendende Bäume, erfrischendes Wasser mit gelegentlichem Wellenschlag. Diese Urlaubsoase haben Hamburger direkt und kostenlos vor ihrer Haustür, in Wilhelmsburg am Finkenrieker Hauptdeich, am Ufer der Süderelbe.

Das ist alles maßlos übertrieben. Stimmt seltsamerweise aber gleichzeitig. Jedenfalls wenn man gewisse Dinge ausblendet und andere Dinge fokussiert. Mehr als jeder andere Stadtteil liegt Wilhelmsburg in der Phantasie des Betrachters. Für die einen ist es so was wie die Bronx von Hamburg. Für die anderen die neue Schanze. Und die nächsten halten es für eine Urlaubsoase.

 

Deich

 

Ganz objektiv gesehen, ist Wilhelmsburg Hamburgs größter Stadtteil; gelegen auf Deutschlands größter Binneninsel, durchschnitten von Autobahnen und mit Industrie gespickt. Dazwischen schmiegen sich einige urbane und einige wilde Ecken. Oder viel mehr Eckchen. Denn in Wilhelmsburg ist alles immer auf die eine oder andere Art begrenzt.

 

Wilhelmsburg

 

Begrenzung ist natürlich super für Leute, die nicht gern elendig lang spazieren. Bei normalem Tempo hat man die klassischen Wilhelmsburger Naturschönheiten in einer halben Stunde erledigt. So auch den Finkenrieker Strand, der in Sommernächten stärker frequentiert wird als an Herbstsonntagen und echt nicht so idyllisch ist, wie das Abendblatt behauptet. Aber für ne gute halbe Stunde ist er gut.

 

elbstrand

 

Zufällig ist eine halbe Stunde im Freien genau das, was der Norddeutsche im Herbst braucht, um nicht auf trübe Gedanken zu kommen. Jeder vierte Deutsche wird in der dunklen Jahreshälfte trauriger und dicker. In Hamburg schiebt man das gerne auf´s Wetter. Fehlt Licht, produziert die Zirbeldrüse mehr Melatonin, ein Hormon, das müde macht und Heißhunger auf Süßes weckt. Da kann man nix machen, denkt man und fühlt sich bestätigt, wenn die Sonne zufälligerweise doch mal scheint und die Laune automatisch in fast vergessene Höhen schnellt.

 

elbbruecke

 

Eigentlich ist die Lichtstärke aber selbst an grauen Tagen noch immer zehn mal höher, als sie sein müsste, um die Zirbeldrüse in Zaum zu halten. Ist doch ulkig: auch wenn man das hier und da schon mal aufgeschnappt hat, neigt man bei Schmuddelwetter trotzdem dazu, sich aufs schützenden Sofa zu kuscheln, zu viel zu essen und/oder über das Wetter zu schwadronieren.

 

laterne

 

Kaum lässt sich die Sonne blicken, will man raus. Und ist ganz enttäuscht, wenn ein Strand so schnell zuende ist wie der Finkenrieker Strand. Muss man in diesem Fall aber gar nicht sein, denn unterquert man die hässliche Brücke des 17. Juni am Strandende, gelangt man auf die Alte Harburger Elbbrücke.

 

Alte Harburger Elbbruecke

 

Die Eisenfachwerkkonstruktion von 1897 war die erste feste Straßenverbindung über die Süderelbe. Heute ist sie die letzte ihrer Art, inzwischen Fußgängern und Radfahrerer vorbehalten. Es ist schwer zu entscheiden was schöner ist: die Sandsteinportale? Das Eisenfachwerk? Der Blick? Der Tag? Der Herbst?

 
Harburger Elbbruecke

 
Und weil uns das alles so gut gefiel letzten Sonntag, sind wir am Ende doch noch auf eine ganze Stunde im Freien gekommen. Obwohl wir uns nur in einem ganz kleinen Stückchen von Wilhelmsburg bewegt haben.
 

 

Was ich mich in diesem Zusammenhang frage: ist die Zirbeldrüse eigentlich nach zwei halben Stunden draußen auch für zwei Tage beruhigt? Oder hat sie ein kurzes Gedächtnis? Die Sache ist nämlich die, dass ich meine Draußen-Zeit in der vergangenen Woche mal gezielt gezählt habe. Ich vermutete, dass ich schon durch ganz normale Alltagswege locker auf 30 Minuten im Freien käme. Tatsächlich erreichte ich das Pensum aber nur an einem einzigen Tag. Weil es eben am Stück sein muss (und ich keinen Hund habe).

 

Elbufer

 

Hilft also alles nichts, ich muss die tägliche Lichtladung explizit in meinen Tagesablauf einplanen. Mach ich. Ab heute. (Mal sehen, wie lange.) Gerade jedenfalls fühle ich mich schwer motiviert. In diesem Sinne: Einen schönen Sonntagsspaziergang allerseits!

Und hier noch ein paar Halbstünder in Wilhelmsburg, die sich ebenfalls lohnen: Die Bunthäuser Spitze, die die Elbe in Norder- und Süderelbe teilt, der Tidenauenwald Heuckenlock und der Skywalk Georgswerder.

12 Kommentare

  1. Goetz sagt

    KÖSTLICH! Einen sonnigen Sonntag wünsche ich! Und hier nochmal mein Tipp: auf in die Elbtalaue!

    • Danke, Goetz. Hoffe Du hattest auch einen schönen Tag?! Wir waren vor etwa einem Jahr im Wendland und haben uns in die Elbtauauen rund um Hitzacker verliebt. Deinen Tipp können wir also nur unterstützen 🙂 Liebe Grüße, Stefanie

  2. Moin moin Stefanie,

    Ich bin Hamburgerin und muss trotzdem erstehen, erst einmal in Wilhelmsburg gewesen zu sein. Zur Gartenschau. Da war ich überrascht, wie schön das Gartenschau Gelände ist.
    Unseren Sonntagsspaziergang werden wir dennoch lieber bei uns vor der Tür im Alstertal machen. Da hat die Zirbeldrüse mehr von. Keine Anfahrt, einfach eineinhalb Stunden Licht tanken.? lichtstarke Grüße Marianne

    • Hallo Marianne, keine Anfahrt ist ein Spitzenargument. Ansonsten finde ich ja auch Kontraste hin und wieder ganz schön. Heute allerdings war ich auch ganz hanseatisch an der Alster (was bis ca. 12.30 Uhr durchaus erträglich war, dann aber zunehmend höllenartig voll wurde). Einen schönen Abend, Stefanie

  3. HannoverblickOst sagt

    Tolle Brücke ung gut eingefangen. Auf so was steh ich ja neben gaaaaanz viel Natur auch! Was die Zirbeldrüse angeht: Die Müdigkeit und Mattigkeit kommt wohl eher vom Vitamin D. Da wird von Oktober bis März in unseren Breiten wegen des niedrigen Sonnenstands nichts produziert. Wer da im Sommer zu wenig getankt und/ oder ständig LSF über 8 benutzt hat, wird wohl mehr darunter leiden müssen.
    Dir noch einen schönen Sonntag! LG Simone

    • Liebe Simone, schö, dass Dir die Brücke so gefällt – aber vielleicht kein Zufall. Sie ist von Hubert Stier, der ja vor allem bei Euch in Hannover wirkte. Auch Dir noch einen schönen Sonntag, Stefanie

      • HannoverblickOst sagt

        Hubert Stier? Den kannt ich noch nicht. Da muss ich mich mal auf die Suche nach seinen Werken machen…. 😉

  4. Solch lauschige Ecken kenne ich auch vom frankfurter Mainufer (tatsächlich gibt es hinter dem Osthafen einen Badesse). Die Lokalblätter schreiben sie größer und lauschiger, als sie es tatsächlich sind. Man darf den Blick halt nicht zu sehr über den Horizont schweifen lassen.
    Das ist natürlich hier oben an der Ostsee besser 🙂 Indian Summer…… heute noch….. also schnell wieder raus ….

    • Hach, Indian Summer am Meer – das klingt toll. Was denkst Du, treibt die Lokalreporter? Ein großer Teil der Leserschaft kennt ja ohnehin die Wahrheit… Seltsam… Grüße an die See.

  5. Hej Stefanie, die Brückenfotos sind großartig. Ich kann mich gar nicht entscheiden, was eigentlich am schönsten ist. Ich finde: alles. Und Wilhelmsburg ist bestimmt unterschätzt, es kommt eben nur auf den richtigen Blickwinkel an. Wir waren am Sonntag bei dem traumhaften Herbstwetter im Norderstedter Stadtpark, der ja 2011 aus der Landesgartenschau entstanden ist. Da haben sich unsere Zirbeldrüsen richtig gefreut. ?☀️

    Liebe Grüße, Martina

    • Gut so 🙂 In Norderstedt war ich seit 20 Jahren nicht mehr – aber den Gerüchten nach, soll das Konzept mit der Landesgartenschau ja voll aufgegangen sein (also, dass das Gelände eben auch hinterher gern genutzt wird). Ahoi, Du Landratte, Stefanie

  6. Also, ich glaube ja, dass es der Zirbeldrüse auch gut tut, über sonnige Momente zu schreiben und lichtdurchflutete Brückenkonstruktionen zu posten. 😉

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