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Gut gehen und sich´s gutgehen lassen in Harrislee

Morgens um 10.00 in Harrislee. Unter einer kleinen Brücke sitzt ein Mann im Sand und kuschelt mit einem Schwan. Streichelt den langen Hals, steckt die Nase ins Gefieder. Der Schwan kuschelt zurück, indem er sanft nach dem Arm des Mannes schnappt. Ganz kleine Bisse, so wie verliebte Katzen es tun. Und wäre ich nicht ohnehin schon hochvergnügt, würde ich jetzt damit beginnen.

 

 

Aber ich fing ja bereits vor 5 km an, mich zu freuen. In Padborg, wo einer der schönsten Fernwanderwege Dänemarks seinen Anfang nimmt: der Gendarmstien. Inzwischen befinden wir uns wohl wieder in Deutschland. Vermutlich in der Siedlung Wassersleben, die zur Gemeinde Harrislee gehört, trotzdem aber irgendwie als Vorort von Flensburg gilt. So richtig steige ich durch die Stadt- und Landesgrenzen der Gegend noch nicht durch.

 

Auf dem Gendarmstien

 

Fest aber steht: Die kleine Schusterkate im Rücken von Mann und Schwan ist das erste Haus auf dänischer Seite. Der Mini-Grenzübergang in Form einer Fußgängerbrücke über die Krusau wurde nach der Volksabstimmung von 1920 errichtet. Ab hier verläuft der Gendarmstien (deutsch: Gendarmenweg) immer am Ufer der Flensburger Förde entlang.

 

 

Seinen Namen verdankt der Fernwanderweg mit dem markanten Wegzeichen den Grenzgendarmen, die hier früher Tag und Nacht Streife gingen. Jeder Gendarm wohnte nah „seiner“ Etappe, die er so gut kannte, dass ihm nicht die kleinste Auffälligkeit entgehen konnte. (Wer nicht gern übermäßig lang wandert, kann sich die ersten Kilometer des Gendarmstiens auch schenken und direkt an der Schusterkate einsetzen. Denn ab hier wirds erst richtig fabelhaft.)

 

Grenze Schusterkate

 

Kurz hinter der Brücke tauchen wir in den Kollunder Wald. Ein richtiger Märchenwald ist das. Mit steil abfallenden Hängen und Bächen und Treppen und Brücken und spitzenmäßigen Ausblicken.

 

Waldweg

Es geht ziemlich auf und ab und über kleine Bäche, die zur Förde strömen

 

Obwohl auf dänischem Gebiet gehörte der Kollunder Wald noch bis 2006 zu Flensburg. Ein Gedenkstein erinnert an Dr. Großheim.

Er trug 1872 das Geld zusammen, mit dem das Gehölz vor der Rodung gerettet werden konnte. Der Wald wurde der Stadt Flensburg übergeben „zum ewigen Eigenthum mit parkähnlicher Bewirthschaftung“.

Undankbarer Weise verkaufte die Stadt den Wald vor 10 Jahren an zwei Dänen zur Bewirtschaftung der eigenen Taschen. Für 1,2 Mio Euro.

 

Baum

Glasklare Flensburger Förde

 

1,2 Mio. Ich vermute, dafür bekommt man nicht mal eines der Traumhäuser, die vereinzelt im Kollunder Wald zu finden sind. Manchmal fragt man sich ja schon, was in den Köpfen von Entscheidungsträgern vor sich geht. Natürlich kenne ich die genauen Beweggründe nicht, aber es klingt irgendwie nach einem miesen Geschäft.

 

 

Der Wald duftet schon nach Frühling. Die Vögel zwitschern als käme er spätestens morgen. Und bei ganz bestimmten Lichteinfall fühlt man, dass der Winter verloren hat. Egal, ob er sich jetzt noch mal aufbäumt oder nicht. Eigentlich ist er Geschichte.

 

Rotes Schloss Flensburg

Flensburgs Rotes Schloss, die Marineschule

 

Nach 2 km schimmert der Ruderclub von Kollund durch die Bäume. An der Mole meditieren zwei Angler. Den 1.000-Einwohner-Ort ruhig zu nennen, wäre untertrieben. Still trifft es eher. Auf äußerst vornehme Art.

 

Ruderclub Kollund

 

Nicht umsonst erinnert Kollund an die Hamburger Elbchaussee. Wohlhabende Flensburger besaßen früher gern ein Sommerhaus am nördlichen Fördeufer. Heute ist es vielleicht wieder so. Vor einigen Anwesen sehen wir Autos mit deutschen Kennzeichen. FL, SL und wie immer auch HH.

„Keine Residenzpflicht“ steht an einem Zu-verkaufen-Schild vor einem Haus. Das läßt Böses ahnen und lockt Spekulanten an.

 

 

Hoffentlich ist Kollund heute nur ausnahmsweise verwaist. Hoffentlich leben hier wirklich Menschen. Denn das ist so ein hübscher Ort. Besser als die Elbchaussee. Die Flensburger Förde ist schöner als die Elbe. Die Luft ist frischer. Und man guckt auch nicht auf Airbus wie in Hamburg sondern nach Glücksburg.

 

Lillestrand Kollund

Lillestrand Kollund

 

In Kollund bietet der Gendarmstien zwei Varianten. Entweder durch den höher gelegenen Østerskov oder unten am Strand entlang. Sie lohnen sich beide. Auch wenn man bei der Strandvariante irgendwann nicht weiterkommt und auf die Hauptstraße wechseln muss – den Fjordvejen. In den Fjordvejen habe ich mich letztes Jahr schon verliebt, als ich einmal fast auf den Ochseninseln war.

 

Fjordvejen

Der Fjordvejen (deutsch Fördeweg), Jütlands Elbchaussee mit Blick auf die Ochseninseln.

 

Fjord bezeichnet im Dänischen sowohl Fjorde als auch Förden. Bei der Flensburger Förde handelt es sich – logisch –  um eine Förde. Eine Meeresbucht. Förden sind was Wunderbares, haben aber nichts mit Fjorden zu tun.

Ich sage das nur, weil seit einiger Zeit Touristiker norddeutsche Meeresbuchten als Fjorde vermarkten. Und ich finde das ein ziemlich starkes Stück, denn Fjorde und Förden sind vollkommen unterschiedliche Landschaftsformen. Und die Bezeichnungen wecken auch vollkommen unterschiedliche Assoziationen.

 

Ochseninsel

Förden sind was Wundbares. Besonders die Flensburger Förde.

 

Unser Ziel Sonderhav: 200 Einwohnern, 2 Inseln, 1 kleiner Strand und Annies Kiosk. Bei Annie gehen in der Saison täglich 1.000 Hot-Dogs über den Tresen. Es sollen die besten von ganz Dänemark sein, sagt man. Was ja ganz gut passt, weil wir uns auf dem schönsten Fernwanderweg Dänemarks befinden (wie man sagt).

 

Sonderhav

 

Zu den Hot-Dogs kann ich nichts sagen (wie verspeisen Hot-Dogs eher aus rituellen Gründen als mit Genuss). Doch nach den ersten 15 km des Gendarmstien würde ich die folgenden 60 jetzt auch gern gehen.

Zumal das Ziel die Insel Als ist. Von Als kann man sich auf Martinas Blog Elbkind on Tour einen Eindruck verschaffen. Sie nennt es ihre „Sommerheimat“, was ich schon als Begrifflichkeit so herrlich finde.

 

Annies Kiosk

 

Einerseits ist es bedauerlich, dass wir jetzt umkehren müssen. Wir haben noch 10 km Rückweg vor uns. (Man könnte auch in den Bus steigen. Er fährt stündlich über Krusau nach Flensburg). Andererseits erwartet uns bei der Rückkehr etwas, das ich ebenfalls schon als Begrifflichkeit ganz herrlich finde.

 

Das Hotel des Nordens

 

Wanderungen verbinde in der Regel mit absolut einfachen Unterkünften. Für mich ist das stimmig. Je länger man wandert, desto stärker konzentriert man sich auf das Wesentliche. Am Ende möchte man ja doch nur essen, um satt zu werden. Sitzen, um auszuruhen. Duschen, um den Staub abzuspülen. Aber man lernt ja nie aus.

Wie ich heute erfahre, ist es nämlich auch nicht schlecht, nach einer Wanderung in ein blubberndes Jacuzzi zu gleiten. Und das noch nicht mal das Beste am Hotel des Nordens.

 

Rezeption

 

Auf unseren Streifzügen durch Norddeutschland gelangen wir immer wieder an Orte, die sich schon vor Jahrzehnten tief in mein Gedächtnis gegraben haben. Meist habe ich nur schemenhafte Erinnerungen, gemixt mit kindlichen Phantasien. Manchmal ist der Zauber dahin, wenn ich diese Orte mit erwachsenen Augen wiedersehe. Manchmal bleiben sie im allerbesten Sinne speziell.

 

 

Volltreffer sind Orte, die auch in Volko was zum Schwingen bringen. Bei ihm fallen nostalgische Gründe aus, denn er ist aus Süddeutschland. Es braucht ein bestimmtes Etwas, einen Charakter, damit ein Ort für uns beide gleichermaßen zu einer Extrawelt wird. So ein Ort ist das Hotel des Nordens; direkt an der dänischen Grenze.

 

Chez Paul Hotel des Nordens

 

Dass wir einen Volltreffer gelandet haben, merke ich, wenn Volko etwas sagt wie: „Ich möchte eigentlich gar nicht, dass das irgendjemand weiß.“ Subtext: „Sonst kommt noch jeder x-beliebige Location-Scout aus Berlin Mitte vorbei.“

(Diese Haltung verträgt sich nicht so richtig mit einem Reiseblog. Und wir werden das ungeheuer Spezielle am Hotel des Nordens noch einmal ausführlicher beleuchten.)

Für heute konzentrieren wir uns auf das, was müde Wanderer so richtig glücklich macht:  Der Außenpool, den meine (äußerst witzige) Mutter als „Pool der Poole“ klassifizieren würde.

 

Swimmingpool

 

Obwohl beheizt und öffentlich, ist der Pool abends gar nicht so gut besucht wie man meinen sollte.  Jedenfalls paddeln wir allein unter den Sternen. Jetzt müsste man noch „Nightswimming“ von REM hören. Amanda Lear oder Roisin Murphy würden aber auch passen. Oder was Hip-Hop-lastiges.

Ab und zu tappst mal jemand Richtung Sauna vorbei, den wir durch den aufsteigenden Dampf nur als Schatten wahrnehmen. Die Sauna draußen ist textilfrei. Im Innenbereich sauniert man in Bademode; so gehört sich das in Dänemark. Wieder was gelernt.

 

 

Ein Großteil der dänischen Gäste amüsiert sich allerdings lieber in der Bar. Wir hören ihr Lachen aus der Ferne. Später werden wir dort vielleicht noch auf ein Club-Sandwich vorbeischauen. Man könnte natürlich auch das Menue im Restaurant einnehmen. Oder was ganz Rustikales auf der Schlittschuhbahn. Und dann wäre da auch noch der hauseigenen Supermarkt. Aber Stopp. Das hat alles viel zu viel damit zu tun, warum ich mich schon als Kind glühend ins Hotel des Nordens gewünscht habe. Und das erzähle ich lieber ein anderes Mal.

 

Restaurant Hotel des Nordens

 

Das Hotel des Nordens hat uns zu diesem Aufenthalt eingeladen. Herzlichen Dank – vor allem an das supernette Rezeptionsteam.

11 Kommentare

  1. Liebe Stefanie,
    hab mir gerade mal die Website des Hotels angeschaut…..das klingt wie im Märchen und kommt auf die Liste: „da muss ich unbedingt mal hin“ 🙂
    Danke für den schönen Bericht und die tollen Bilder.

    Liebe Grüße
    Eva

    • Guten Morgen Eva, so eine Liste ist immer gut. Besonders weil uns bestimmt bald der erste richtige Frühlingstag überfallen. Dann weiß man manchmal vor Verblüffung gar nicht, wohin – und fährt doch wieder an die altbekannten Plätze 🙂 Ins Hotel des Nordens nehme ich Dich aber auch noch mal virtuell mit (wenn Du magst). Liebe Grüße, Stefanie

      • Ich mag immer!!!
        Bei euch immer (auch wenn ich mal nicht kommentiere, so lasse ich mich von euch immer virtuell mitnehmen) 🙂

  2. Du hast absolut recht, liebe Stefanie – die Flensburger Förde ist wunderschön! Das Hotel des Nordens sieht sehr einladend aus, besonders das „Nightswimming“ hört sich auch prima an!

    Und die Bezeichnung „Jütlands Elbchaussee“ für den Fjordvej passt genau. ? Ist Dir auch schon mal aufgefallen, dass die Bäume entlang der Straße ein viel satteres Grün haben als normalerweise? Aber vielleicht kommt mir das auch immer nur so vor, weil ich so euphorisch bin wegen der Aussicht aufs Wasser..

    Danke für diesen schönen Bericht – und für die nette Verlinkung zu unserem Elbkind-Blog natürlich auch! ?

    Liebe Grüße, Martina

    • Ehrlich gesagt, liebe Martina, kenne ich die Bäume am Fjordvejen nur kahl oder im Maigrün (was auch ganz, ganz, ganz wunderbar ist). Ich muss also noch mal im Sommer hin (dann bis Als). Komm gut in den Tag, Stefanie

  3. Hach, dein Bericht weckt Nah-Fernweh, liebe Stefanie! Und die wunderbaren Bilder transportieren zwar noch mehr als nur einen Hauch Kühle, aber tatsächlich auch die Gewissheit: Der Winter hat verloren. 🙂

    • Danke für´s Lesen, liebe Maren. Im Moment finde ich es draußen eigentlich meist besser, als es aussieht. Die Sonne hat sogar schon richtig Kraft (wenn sie mal rumblinzelt). Liebe Grüße, Stefanie

  4. Moin Stefanie, als Tiernarr finde ich den Schwanenmann ja beneidenswert und würde auch gern mal mit einem Schwan kuscheln! Aber auch ohne Schwan haben mich Dein super schöner Beitrag und die super schöne Bilder „beginnen lassen hochvergnügt zu sein“ – (das hast Du mal wieder fantastisch formuliert!) 🙂

    • Vielen Dank, Ulrike, das mit den Schwänen war so toll. Das sah nach einer richtig dicken Freundschaft aus. Schönes Wochenende, Stefanie

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