Die phantastischen 4 im September, Norddeutschland, Nordsee, Rausgehen, Schleswig-Holstein
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Blog sei Dank an die Spitze

Neulich empfahl mir Frau von Trdahllov einen Besuch in Friedrichskoog Spitze (ein Ort, von dem ich noch nie etwas gehört hatte). Kurz darauf erwähnte meine Mutter, sie hätte bei Eva von Deichrunners Küche über Friedrichskoog Spitze gelesen. Und das würde sie doch sehr interessieren.

Es ist immer gut, wenn Mütter kurz vor ihrem Geburtstag Wünsche formulieren. Dann kann man sie nämlich erfüllen. So geschehen letzte Woche.

 

Ein Himmel wie gemalt

 

Friedrichskoog Spitze ist das „Strandbad“ von Friedrichskoog. Es liegt im südlichen Dithmarschen, so etwa auf halber Strecke zwischen Brunsbüttel und Büsum. Ohne Blog hätte ich niemals hingefunden. Denn Friedrichskoog Spitze wartet mit einem Grünstrand auf. Und das fand ich früher immer absurd.

 

Gruenstrand

 

Grünstrand bedeutet: es gibt gar keinen Strand. Denn Strand ist (ich zitiere Wiki) definiert als Küsten- oder Uferstreifen aus Sand oder Geröll. Beides gibt es in Friedrichskoog Spitze nicht. In Friedrichskoog Spitze gibt es meistens nicht einmal ein Ufer. Dafür aber Watt. Und selten habe ich die Schönheit des Wattenmeers so intensiv erlebt wie hier.

 

 

Südlich des Strandes befindet sich der Trischendamm. Er wurde in den 30er Jahren zum Deichschutz errichtet und ist 2,2 Kilometer lang. Man spaziert also mitten hinein ins Wattenmeer. Das ist eine besondere Erfahrung und gehört für mich ab sofort zu den Dingen, die man mal gemacht haben sollte.

 

Trischendamm

 

Links des Trischendamms sind ausgedehnte Salzwiesen entstanden, auf denen Seevögelkolonien brüten. Irgendwann wird das vielleicht alles festes Land sein, dachte ich, als wir so dahin spazierten. Und dass man ab einem gewissen Alter allmählich dahinter kommt: das Kostbarste, was wir haben, ist Zeit. Einander Zeit zu schenken, wird mir immer wertvoller.

 

Dithmarschen

 

Nun bin ich nicht in der Lage, in ständiger buddhistischer Bewusstheit zu leben. Denn a) bin ich nicht der Typ dafür. Und b) habe ich so etwas wie einen Alltag. Und der besteht eben auch aus Situationen, in denen ich mir wünsche, die Zeit möge möglichst schnell vorbeigehen.

 

Salzwiesen

 

Umso intensiver sind die Augenblicke, in denen ich mir wünsche, die Zeit möge stehenbleiben. Jeder hat ja so seine Sternstunden. Meine schlägt, wenn ich mit jemandem der mir nahe steht, eine Landschaft erlebe, die mich berührt.

 

Landgewinnung

 

Dem Blog sei Dank habe ich solche Momente monatlich. Er wirkt wie eine Selbstverpflichtung. Während ich früher gern auf den Tag gewartet habe, an dem ein Ausflug zufällig mal passt, plane ich mittlerweile im Voraus. Denn zufällig klappte bei mir zu selten. Da war immer eine Einladung, eine berufliche Verpflichtung, irgendwas zu putzen oder das Wetter im Weg.

 

Ins Watt hinein

 

Der Trischendamm führt in die Unendlichkeit. Hell leuchten in der Ferne Muschel- und Sandbänke. Sowie die wandernde Vogelschutzinsel Trischen. Auf dem Damm ist es ultraleise und bizarr, denn man spaziert auf die Ölförderinsel Mittelplate zu. Trischen wie Mittelplate bleiben unerreichbar und damit unwirklich.

 

Mittelplate

 

Bezeichnend war, dass wir uns auf dem Trischendamm an weit entfernte Orte erinnert fühlten. Meine Mutter dachte an unsere Radtour in Litauen. Ich an Seltjarnanes; denn auf Island sind wir auch schon zusammen gewesen. Gemeinsam entdeckte Orte bleiben offenbar nachdrücklich in Erinnerung.

 

Basaltgestein

 

Es lag natürlich auch am Licht. Dieser September läßt sich kühl an. So dass alles wie frisch gewaschen wirkt. Blankgeputzt. Nordisch eben. Diese Klarheit. Diese Weite. Ich könnte durchdrehen vor Begeisterung. Wenn mich das Ganze nicht so erden würde. Es beruhigt mich.

 

AlsesnochMenschengab

 

Die Sicht war weit. Im Süden bis nach Cuxhaven und Neuwerk. Wohin ich nächstes Jahr mit Frau Masulzke wandern werde. Das haben wir uns im Sommer versprochen. Und wenn nicht dahin, dann woandershin. Hauptsache zusammen. Darauf freue ich mich schon total. Unsere letzte gemeinsame Reise ist (Achtung!) 26 Jahre her. Obwohl wir gerne zusammen sind und die gleichen Ziele lieben. Es geht ja nicht nur mir so, dass die Zeit knapp ist.

 

Nationalpark Wattenmeer

 

Spontanität wird sowieso überbewertet. Besonders wenn mehrere Menschen ins Spiel kommen, bleibt einem gar nichts anderes übrig, als sich weit im Voraus festzulegen (oder auf den St. Nimmerleinstag zu warten). Das erste Juli-Wochenende etwa gehört inzwischen meiner Mutter, ihren Schwestern und mir. Nur wir vier, drei Tage am Stück und ohne dass eine Gastgeberpflichten hätte – das ist etwas ganz Besonderes für uns. Und wir lernen langsam, langsam über die Macken der anderen nicht mehr in Rage zu geraten. Das ist auch so toll am gemeinsamen Reisen.

 

Wattenmeer

 

Während Aldi das erste Weihnachtsgebäck in die Regale räumt, kann man ja schon mal drüber nachdenken, wem man gern seine Zeit schenken würde. Ob das eine Wanderung mit Wasser und (Butter)-Brot wird oder ein mehrtägiger Luxustrip ist dabei ganz egal. (Einen Ausflug zum Trischendamm kann ich übrigens empfehlen.)

 

Wolkenspiel

 

Mich hat der Trischendamm so überwältigt, dass ich anschließend gar keine Lust mehr hatte, den Rest zu fotografieren. Wenn man mich fragt: Abgesehen vom Wattenmeer sieht die Gegend um Friedrichskoog aus wie ein galaktisches Kohlfeld. Mit unzählen Windrädern bestückt.

Das Gute an kühlen Septembern ist, dass der Kohl dann schon schmeckt. Ich habe seit Jahrzehnten nicht mehr so gute Kohlrouladen gegessen wie in Friedrichskoog Spitze. Vielleicht ist es auch so, dass Kohl nie so gut schmeckt, wie nach einem ausgedehnten Spaziergang im Wattenmeer.

 

Blickzuruecknachvorn

 

Wer sich ein genaueres Bild vom Hinterland machen möchte, guckt mal bei Eva. Dort kann man dann auch sehen, was im Hafen von Friedrichskoog bis Juni diesen Jahres los war. Nämlich einiges. Inzwischen hat die Landesregierung von Schleswig-Holstein den Hafen geschlossen. Die Unterhaltungskosten waren zu hoch und nun ist der Hafen beinahe nutzlos und verwaist.

 

Friedrichskoog

 

Mehr als fünf Jahre haben die Bewohner für ihren Hafen gekämpft und am Ende doch verloren. Sicher, die zwei Touri-Hauptattraktionen sind noch da. Der Indoor-Spielplatz in Form des weltgrößten Walfisch-Gebäudes (was es alles für Titel gibt) und die Robbenaufzuchtsstation. Aber das ist natürlich etwas anderes als ein lebendiger Hafen mit bunten Krabbenkuttern.

 

 

(Ich glaube trotzdem, dass meine Mutter hier ihren besten Moment unseres Kurztrips erlebt hat. Was für mich nordische Landschaften sind, sind für meine Mutter Tiere. Seit einiger Zeit vermittelt sie für die Tierfreunde Antalya herrenlose Hunde. Und einer ihrer Lieblinge – Gretchen – hat ganz in der Nähe ein neues Zuhause gefunden. Mit ihr + Frauchen hatte sie sich zum Deichspaziergang verabredet.)

 

Deichzugang

 

Überhaupt der Deich. Er ist die Hauptsache an Dithmarschen. Über Kilometer, Kilometer, Kilometer kann man auf seiner Krone laufen. Und dabei ändert sich nichts; abgesehen vom Licht. Da kann man gar nicht anders, als zu entspannen.

 

Deich

 

Wird man müde, kann man auch super auf dem Deich sitzen. Wird man noch müder, geht man zu Bett. Was anderes ist nicht möglich. Denn Nachtleben sucht man in Friedrichskoog vergebens. Und es ist so still. Das glaubt einem kein Mensch.

In unserer Ferienwohnung führte eine kleine Stiege vom Wohnzimmer auf den Spitzboden. Dort lag ich einige Minuten wach und schaute in den Sternenhimmel, die gedämpfte Stimme einer Moderatorin im Ohr. Denn meine Mutter schaute unten noch Fernsehen. Und da war die Zeit auf einmal aufgehoben. Ich habe geschlafen wie ein Kind.

 

einsamer Strandkorb

25 Kommentare

  1. Ich finde keine Worte. <3

    Ich freue mich wie blöd, dass Deine Mama und Du eine so wunderbare Zeit dort hattet und Du so voller Begeisterung für Friedrichskoog-Spitze bist.

    Herzliche Grüße und einen guten Start in die Woche,
    Nicole

  2. Der Dank ist natürlich auf meiner Seite, Nicole. Ohne Dich wären wir ja gar nicht hingefahren. In diesem Sinne: Selber einen guten Wochenstart! Und ganz liebe Grüße, Stefanie

  3. Liebe Stefanie,

    auch ich fast ohne Worte!
    Du beschreibst das viel besser und mit viel mehr Tiefgang als ich – die ich dort so lange gelebt und so viele ‚Strandtage‘ mit ihren Kindern verbracht hat – es hätte beschreiben und zeigen können.
    Dann noch mit so viel fundiertem Wissen gespickt: du wanderst nicht nur, du interessierst dich auch für die Orte und Landschaften, die du dir erwanderst.

    Ich war neulich mal kurz auf ein Krabbenbrötchen (bei Urthel = soooo lecker) an jenem für mich so unschönen Tag (du erinnerst dich, wo ich nach Meldorf musste) dort und war auch am Hafen….was für ein trauriger Anblick!!

    Danke für diesen wunderbaren Ausflug nach Friedrichskoog-Spitze!!

    Liebe Grüße

    Eva

    (Übrigens die Kinder haben keinen Strand vermisst, die fanden diese Matsche und die Wattwürmer und alles andere Getier viel interessanter…..nur den getrockneten Schlick hinterher wieder ewig abwaschen zu müssen unter den kalten Duschen…das gab viel Gebrüll :-)))

  4. Hej Eva, das glaube ich, dass Deine Kinder sich im Watt wohlgefühlt haben. 🙂 In unserer Ferienwohnung hingen auch Urlaubsfotos von Kindern, die von oben bis unten in gräulichen Matsch gehüllt waren. Halb schief gelacht haben sie sich darüber.

    Dass ein Krabbenbrötchen selbst in schwierigen Lagen ein bisschen helfen kann, ist aber auch ein tiefer Gedanke. Eine echte Lebensweisheit.

    Komm gut in die Woche, Stefanie

  5. Erika Stumm sagt

    Das ist ja merkwürdig. Für Morgen habe ich einen Tagesausflug nach Friedrichskoog und anschließend Brunsbüttel geplant. Ersteren Ort kenne ich gar nicht und bin nun nach den schönen Bildern und nach deinem einfühlsamen Text umso gespannter.Am Sonntag habe ich mal wieder Husum und Krabbenbrötchen genossen. Auch immer wieder schön,sich den Wind um die Nase wehen zu lassen und einfach nur Freude empfinden.Wie immer liebe Grüße Erika

    • Wetter sieht ja super aus heute. Ich wünsche Dir einen tollen Ausflug. Husum steht auch immer noch auf unserer Liste – vielleicht zusammen mit Nordstrand (wovon Du ja so geschwärmt hast). Liebe Grüße zurück, Stefanie

      • Erika Stumm sagt

        Und es war super-erst die Seehundsstation in Friedrichskoog und dann ein bischen Wehmut im verlassenen Hafen -umso schöner ein Muschelkrabbenessen am Elbufer in Neudorf bei strahlendem Sonnenschein. Auch die Wilstermarsch und Reminiszenzen an Brockdorf haben ihren Reiz- besonders bei Septemberlicht-wir wohnen schon schön!!Bis bald, Erika (ich freue mich auf einen neuen Beitrag)

  6. Juliane Jantosch sagt

    einige wenige Kilometer von Zuhause entfernt habe ich sofort Urlaubsgefühle entwickelt. Schon die Fahrt „über Land“ als Du in einem Dorf nach dem nächsten Weg gefragt hast, hat Spaß gemacht. Die Antwort der Dorfbewohner hat uns ja total amüsiert. Sie wussten es nicht so genau, weil sie nicht so oft nach Süden fahren, aber wahrscheinlich geht’s über St.Michel (womit St. Michaelisdonn gemeint war), da könnten wir dann ja nochmal wieder fragen.
    Wer Liebliches erwartet, ist verkehrt – aber wer sich einlässt, geniesst dieses „weniger ist mehr“.
    War wirklich sehr schön – danke für dieses Geschenk.

  7. Echt schon 26 Jahre? Vielleicht liegt das daran, dass wir uns früher öfter mal „so“ in Hamburg gesehen haben…wir müssen demnächst mal einen festen Termin ausmachen – freu mich schon sehr darauf 🙂

  8. Deine wunderbarst in Worte gekleidete Begeisterung und die herrlichen Bilder lösen … nun ja … Pawlowsche Reflexe bei mir aus, Stefanie. 🙂

  9. ich kann mich mit sehr vielem identifizieren. mit dem wie du schreibst, mit dem was du schreibst. wundervoll, die eindrücke, die du von diesem wattspazierganz mitgenommen hast.

  10. Viele schöne Fotos! Leider wohne ich zu weit weg, um dort ein Wochenende oder Kurzurlaub zu verbringen. Ist aber nicht schlimm – mit Deinem Bericht war ich ja auch ein bisschen da. Übrigens, als Biologin muss ich das sagen, das Gebäude heißt Wal-Gebäude, denn Wale sind keine Fische.

    • Ach ja, öhm, stimmt, habe ich auch schon mal irgendwo gehört die Sache mit den Walen. Aber phonetisch ists mit dem Fisch netter, find ich. 😉 Freut uns, dass Dir die Fotos gefallen. Liebe Grüße nach zu weit weg; Stefanie

  11. So ein wunderschöner Bericht und Fotos! Für mich als Österreicherin ist das Meer etwas ganz ganz Besonderes. Bis Anfang 20 kannte ich das Meer in ECHT nur so wie man es an der Adria vorfindet oder mit Felsen in Kroatien. Als ich dann mit Ende 20 in Varberg, Schweden stand und das erstemal die unendliche weite des Meeres bei Ebbe bestaunen durfte, war das Faszination pur für mich. Die Unendliche Weite und der Charme und vor allem die landschaftliche Ruhe des Nordens hat mich sofort in den Bann gezogen. Als ich deinen Bericht gelesen habe dachte ich nur, ha da mag ich auch mal hin. Danke für die schönen Worte und Bilder. Lg Doris http://www.dorisworld.at

    • Liebe Doris, vielen Dank für Deinen netten Kommentar. Die Ruhe und Weite am Meer liebe ich auch so sehr (aber in den Bergen gibts das ja auch, nech?). Liebe Grüße nach Österreich bzw Servus (oder wie das heißt :-))

  12. Liebe Stefanie, „Servus“ oder “ Griasti“ – ja das klingt nach uns. Obwohl ich sag es eher selten. Da hast du Recht die Berge geben eine unglaubliche, geniale Ruhe und Weite. Darum bin ich auch immer, wann ich Zeit habe bei allen möglichen Outdoor-Aktivitäten in den Bergen anzutreffen. http://dorisworld.at/category/bergaktiv/
    Jedoch das Meer und vorallem so wie du es beschreibst, machen ganz große Lust mir das mal live anzusehen….Alles liebe D.

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