Alle Artikel mit dem Schlagwort: Niedersachsen

Borkum im Winter

North by Northwest: Lohnt sich Borkum im Winter?

Ein Kurztrip nach Borkum im Winter will gut überlegt sein, habe ich festgestellt, als ich neulich mit meiner Tante dorthin reiste. Zwar klingt der Satz: „Ich fahr mit meiner Tante nach Ostfriesland“ etwa so exotisch wie „Meine Oma fährt im Hühnerstall Motorrad.“ Im Fall von Borkum ist die Reise aber ähnlich aufregend wie ein Trip nach Übersee. Wobei die Ozeanüberquerung bequem und rasant erscheint – verglichen mit dem Ewigkeitstrip von Hamburg auf die größte Ostfriesische Insel.     In meinem konkreten Reisefall (St. Pauli – Borkum) kamen unheimlich viele Verkehrsmittel ins Spiel: U-Bahn zum Hauptbahnhof (10 Minuten), metronom nach Bremen (80 Minuten), Regionalzug nach Emden (130 Minuten), Schienenersatzverkehr  zum Fähranleger (15 Minuten), Ultralangsam-Fähre (130 Minuten), Inselbahn (15 Minuten), Taxi (10 Minuten). Inklusive Verspätungen und Wartezeiten auf Bahnhöfen und in Häfen läpperte sich das Ganze auf exakt 8 Stunden von Tür zu Tür. (Auf dem Rückweg lief es noch etwas unglücklicher. Da wurden es mehr als 9 Stunden.)     Obwohl man sich vor Pauschalurteilen ja immer hüten sollte, lege ich mich dennoch für die Anreise …

Herbst

Der Herbst, der Wald und der Hohe Mechtin

Im Herbst denke ich oft daran, dass mein Opa mir mal erzählte, früher hätte ein Eichhörnchen von Kappeln nach Hamburg gelangen können, ohne je den Boden zu berühren. Ich weiß nicht, ob das stimmt. Und warum mein Gehirn gewisse Sätze wortgetreu konserviert, während ganze Jahre höchstens noch als blasse Erinnerungen existieren. Aber das ist ein anderes Thema. Jedenfalls: im Herbst denke ich oft an Eichhörnchen.   Und zwar nicht nur, weil Eichhörnchen klassische Herbsttiere sind. Sondern auch weil ich derzeit mehr Wälder als gewöhnlich zu Gesicht bekomme. Ich reise im Herbst nämlich traditionell extrem viel durchs Land. Meistens mit dem Zug. Und wenn mein Leben zu einer ewigen ICE-Fahrt wird, staune ich immer wieder, wie bunt der Herbst südlich der Elbe ist. Der Wald und die Wildnis Der Kulturhistoriker Wilhelm Heinrich Riehl setzte den Charakter der europäischen Nationen in Beziehung zu ihrer Umwelt. Engländern und Franzosen entsprachen seiner Meinung nach der gezähmte Park und das gerodete Feld. Den Charakter der Deutschen sah Riehl in der Wildnis des Waldes.     Riehl gilt als Begründer des …

Steinhuder Meer

Eine von 100: Radtour Steinhuder Meer

Der Radiosender Antenne Niedersachsen hat die 100 schönsten Radtouren in Niedersachsen zusammengestellt – darunter die Radtour Steinhuder Meer. Auf knapp 32 Kilometern und durchgehend ebener Strecke führt sie einmal rund um den größten See Niedersachsens. Los gehts in Steinhude City, wo es mehrere Fahradverleiher gibt, deren Preise sich nicht großartig unterscheiden.     Am besten fährt man gegen den Uhrzeigersinn. Denn dann wird die Tour immer schöner. Was ja besser ist als anders herum. Steinhude streckt sich ziemlich lang, so dass man erst mal eine Weile durch Wohnsiedlungen fährt, bis die Bebauung spärlicher wird und man auch wieder an den See ran kann.     Hat man endlich den Orsteil Strand hinter sich, wechselt man von der Straße auf landwirtschaftliche Wege. Tschüß Autolärm. Von nun an ist die Strecke Radfahrern und Wanderern vorbehalten.     Alle paar Kilometer führen Fußwege zu Aussichtspunkten, was die Tour schön langsam macht (wenn man will). Der erste Abstecher führt auf einem Bohlenweg entlang eines ehemaligen Torfkanals zum Großheidorner Turm.     Das sumpfige Ostufer ist eine äußerst artenreiche Verlandungszone …

Alter Hafen

Das Ende der Inseln

Borkum, Norderney, Juist, Baltrum, Langeoog, Spiekeroog, Wangerooge. Alle ostfriesischen Inseln laufen im Osten in Sandstrände aus. Der von Wangerooge ist 500 Meter breit, 3 km lang, unbewohnt, unbespaßt und unbewirtschaftet. Ein Dünengürtel trennt die Brandungsseite von den Salzwiesen an der Wattseite. Die höchste Düne ist 17 Meter hoch, im Mittel schaffen sie es auf 12 Meter. Oder anders gesagt: Viel besser geht’s nicht; strandmäßig gesehen.     Ost-Steert nennen die Wangerooger ihr Inselende. Das ist plattdeutsch und kann mit a) Schweif oder b) Hintern übersetzt werden. Letzteres finde ich passender. Denn es ist ja wirklich das hinterste Ende der sieben bewohnten Schönheiten im niedersächsischen Wattenmeer. „Am Dups der Heide“ hätte meine Oma vielleicht gesagt. Oder aber auch „und die Hacke schlägt Attacke“. Denn an weiten, einsamen Stränden will man doch immer unbedingt loslaufen. Na, denn, man to.     10 Dinge, die man am Oststrand von Wangerooge machen kann.                       Minsener Oog Minsener Oog ist eine unbewohnte Insel, knapp 2 km südöstlich von Wangerooge. Sie …

Wangerooge Soul-Weekender

Ein Herbst-Wochenende auf Wangerooge ist gut für die Seele. Früher wäre ich nie auf den Gedanken gekommen, ausgerechnet in die hektischsten Wochen des Jahres einen Kurztrip zu stopfen. Seit wir bloggen, empfinde ich es genau anders herum. Gerade, wenn man nicht mehr weiß, wo einem der Kopf steht, tut eine Auszeit richtig gut. Besonders auf einer Mini-Insel. Selbst wer sich langsamer als langsam bewegt, kann Wangerooge in wenigen Stunden erfassen. Da schaltet man automatisch noch einen Gang runter. Wird so langsam, dass die Seele mitkommt. Denn die Seele ist doch selten so schnell wie das Leben. Zu ihrem Takt finden wir ganz gut mit folgenden Slow Four:   1. Fotografieren am Weststrand   Fotografieren hat ja generell mit Achtsamkeit zu tun. Wikipedia sagt über Fokussierung, dass für eine gewisse Zeit auf das momentan Ausgeübte oder Empfundene geachtet wird. Das klingt nicht nur wie Mediation. Das fühlt sich auch so an. Der ideale Moment dafür: Gleich nach dem Aufstehen, wenn der Morgen graut.     Die Fotos zeigen Weststrand und Hafen bei Sonnenaufgang. Das Licht ist …

Die Entdeckung der Einfachheit auf Wangerooge

Sich einer Insel nähern. Auf einer windgeschützten Bank an Deck eines Dampfers. Die Hände in den Taschen. Das Gesicht der Sonne zuwenden. Die Augen schließen. Das Stampfen des Schiffsmotors. Die Schreie der Möwen. Salz in der Luft.     Wir sind auf dem Weg nach Wangerooge, der östlichsten bewohnten Insel Ostfrieslands. Von den sieben Perlen im niedersächsischen Wattenmeer ist sie die zweikleinste. Gerade mal 8,5 km lang. Zwischen einem und 2,2 km breit. Gut zu überblicken in drei Tagen. Kein Grund hastig zu werden.     Das Schnelle ist ohnehin am Festland geblieben. Das Komplizierte auch. Dieses Wochenende soll es ganz einfach werden: in einer Jugendherberge. Und weil uns das so fremd ist, fühlt es sich an wie ein Workshop für Simplifying.     Simple Living, Downshifting, Minimalismus. Fragt man Zukunftsforscher Matthias Horx steckt hinter dem Trend zum Einfachen Leben ein fundamentaler Wertewandel. Er bedeutet die Befreiung von unnötigem Ballast für ein Mehr an Lebensqualität, an Sinn, an wirklichen Beziehungen, an jener Kreativität, die aus Langsamkeit wächst. Was das betrifft, gleicht der Hafen von Wangerooge …

In Wolfsburg steckt der Wurm

Wolfsburg, ich muss schon sagen, ist unter allen seltsamen Städten Nordeutschlands die allerseltsamste. Nicht nur, weil 95% der Wolfsburger die gleiche Automarke fahren. Sondern vor allem weil 95% der Wolfsburger Gebäude nach 1950 gebaut wurden. Bis dahin hatte die Stadt quasi nichts. Nicht einmal einen richtigen Namen. (Sie hieß: „Stadt des KdF-Wagens bei Fallersleben“).     Inzwischen steht Wolfsburg so gut wie flächendeckend unter Denkmalschutz. Was man woanders abriss, wurde in Wolfsburg aufwendigst Asbest-saniert. Kosten spielen in Wolfsburg nämlich kaum eine Rolle. Denn die haben´s ja – das allerhöchste Bruttonationaleinkommen pro Kopf in Deutschland. So können sie sich auch ein Museum vom Feinsten gönnen. Das Kunstmuseum Wolfsburg ist wunderbar. Eine Knaller-Ausstellung jagt die nächste, der Einritt ist günstig und meistens ist man ziemlich allein mit den Kunstwerken. Zur Zeit läuft die  Ausstellung „Fichte“ des grandiosen Künstlers Erwin Wurm.     Der Österreicher Erwin Wurm ist witzig; aber nicht nur. Beim Betrachten seiner Werke bleibt das spontane Lächeln oft im Gesicht hängen. Man kommt ins Denken. Und kehrt ertappt zum Grinsen zurück. Wenn man einen bestimmten …

Das Alte Land; eine Annäherung

Seit einiger Zeit sendet der Deutschlandfunk sonntags die Reihe 12 Mal Deutschland. Journalist Jörg-Christian Schillmöller und Fotograf Dirk Gebhardt durchqueren das Land Stück für Stück der Breite nach. Vom westlichsten zum östlichsten Punkt. Jeden Monat ein paar Tage. (Wovon sie übrigens auch bloggen.) „Warum“, wurden sie vergangenen Sonntag gefragt. „Weil wir es nicht kennen“, lautete die Antwort. Und das ist ja genau der Punkt. Es erstaunt mich immer wieder, wie wenig ich eigentlich von meiner näheren Umgebung kenne. Und auch wenn ich meine, etwas zu kennen, nehme ich oft nur das Offensichtliche wahr. Beispiel: Das Alte Land     Das Alte Land grenzt ans südliche Hamburg und ist das größte Obstanbaugebiet Europas. Folglich geben Obstbauern hier seit Jahrhunderten den Takt an. Die über die Maßen verzierten Fachwerkfassaden ihrer Obsthöfe knallen einem derart ins Auge, dass man gar nicht mehr sieht, was links und rechts davon liegt. Das ist besonders krass rund um die Gemeinde Jork, von der ein Altländer Freund mal behauptet hat, sie sei der Trafalgar Square des Alten Landes. Interessiert man sich nicht …

Grashüpferinsel Lühesand

Lummerland, Nimmerland, Saltkrokan… Die besten Geschichten spielen auf Inseln. Die Mystischste unter ihnen war für mich immer die Grashüpferinsel, obwohl dort wenig passierte. Es war nur heiß und seltsam und die Grillen zirpten. Genauso war es vergangenen Montag auf Lühesand.       Elbinsel Lühesand   Lühesand ist eine 124 ha große Elbinsel im Alten Land. Sie ist nur per Boot zu erreichen und ein perfekter Ort, wenn man mal Lust auf das ganz große Garnichts hat. Garnichts gibt’s auf Lühesand nämlich im Überfluss – im allerbesten Sinn. Das Auto lässt man am Treffpunkt Sandhörn bei Grünendeich stehen. Die Parkgebühr ist am Kiosk zu entrichten. Aber nicht am Montag. Montags ist geschlossen. Da erholen sich die Sandhörner von den Hamburger Sonntagsausflüglern.     Soll uns Recht sein. Genau wie die Tatsache, dass an Mai-Montagen nicht gerade massenweise Leute nach Lühesand übersetzen wollen. D.h. wollen wollen schon einige. Vornehmlich Fahrradfahrer. Die machen dann aber ein langes Gesicht, wenn sie am Anleger erfahren, dass Räder auf dem Festland bleiben müssen. Lühesand ist verkehrsmittelfrei. Lärmfrei. Stressfrei. Frei.   …

In Niedersachsen wird zusammengegessen: Verenas Flying Table

Vor ziemlich genau 4 Jahren erhielt ich eine E-mail mit dem Entwurf eines Entwurf eines Flyerentwurfs. Ob ich mal drüber schauen könnte, fragte Verena. Und was ich so ganz grundsätzlich von ihrer Idee eines Supper Clubs hielte. Das war im April 2011. In London und Berlin vermehrten sich Underground Restaurants, Home Bistros und Guerilla Diners gerade wie Mücken nach einem Sommergewitter. Dass die Leute Lust drauf hatten, wir mir schon klar. Doch Verena wollte das Ganze nicht in einer Großstadt aufziehen – sondern mitten in Niedersachsen. Ob das Konzept auch im ländlichen Raum aufgehen würde, schien durchaus ein paar Bedenken wert.   Verena ist aber nicht der Typ für Bedenken. Nur 3 Monate später ging My Flying Table in Wildeshausen an den Start. Und bis heute ist nicht ein einziger Platz frei geblieben. Seit 4 Jahren öffnet Verena 4 mal monatlich ihr Zuhause, um für 10 Gäste zu kochen. Eine Art analoger Food-Blog könnte man sagen. Verenas Dashbord – die Küche – öffnet sich zum Wintergarten, wo die Leute an einer langen Holztafel zusammensitzen. Manchmal …