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Sylt bei Regen oder der Weststrand für BWLer

Sylt bei Regen

Was man auf Sylt bei Regen macht? Logisch: man sucht sich ein kuscheliges Plätzchen und liest. Einen sehr dicken Roman. „Stundenlang lesen“ ist ja ohnehin etwas, worauf man sich einstellt, wenn man nach Sylt fährt. Regen gehört zu einem Nordseeurlaub dazu. Und ja, man freut sich sogar darauf.

Doch so einfach ist das gar nicht in Norddeutschland. Schon gar nicht auf den Inseln. Am allerwenigsten auf Sylt.

Spätestens wenn das Teewasser den Siedepunkt erreicht, pustet der Wind nämlich eine Himmelsecke frei. Urplötzlich taucht ein Sonnenstrahl den Lesesessel in goldenes Licht. Und auf einmal scheint es gar nicht mehr so verlockend, sein Lied hinter dem Ofen zu singen…

 

Sylt bei Regen (soll ich´s wirklich machen oder lass ich´s lieber sein?)

 

Syltkenner wissen: dies ist nicht der Zeitpunkt für eine ausführliche Kosten-Nutzen-Analyse. Möglicherweise bricht in eben diesem Moment die beste Stunde des Tages an, vielleicht der gesamten Urlaubswoche und wer will das schon verpassen? Also, schnell das Outfit des Grauens geschnappt und ab an den nächsten Strand.

 

Weststrand

 

Wenn es sich dabei um den Weststrand von List handelt – sagen wir mal den Zugang bei der Strandsauna – ist Dein Risikomanagement eigentlich schon im Eimer. Merke: Der Weg durch die Dünen ist immer länger als vermutet. Bis Du das Meer siehst, hat sich der Himmel längst wieder zugezogen. Du weißt: Falls er seine Schleusen öffnet, wirst Du auf keinen Fall ungeschoren davon kommen.

 

Maximales Regenrisiko am Weststrand

 

Aber was meinst Du eigentlich mit „falls“? Inzwischen liegt auf der Hand, dass der Weltuntergang kurz bevor steht. Vielleicht bin ich ja schneller als Sturm und Wolken, denkst Du. Bis zum nächsten Heißgetränk (in der Weststrandhalle) sind es gerade mal 3 km. Das könnte zu schaffen sein. Du stiefelst los. Sylt bei Regen – für Dich kein Problem. Du findest es sogar ganz herrlich. Weil das Bedrohliche auf gewisse Weise auch zu und zu schön ist.

 

wellen

 

Das Bedrohliche ist sogar so faszinierend, dass Dir der absolute Anfängerfehler unterläuft. Der Anfängerfehler über den Du immer lachst, wenn andere ihn begehen. Aber heute passiert es Dir selbst: Du hast die Welle unterschätzt! Eine Ladung Salzwasser schwappt in Deine Gummistiefel. Ziemlich mieses Gefühl das.

 

Sylter Welle

 

Es folgt: Der Moment, in dem es zu regnen beginnt. Ein Schauer nur, hoffst Du. Und immerhin hast Du Rückenwind. Regentropfen von hinten sind besser als von vorn. Du hältst den Blick stur geradeaus. Umkehren kommt sowieso nicht in Frage. Weshalb auch? Du bist schließlich nicht aus Zucker.

 

Point of no return: Zwischen Strandsauna und Weststrandhalle

 

Aber wasserresistent bist Du eben auch nicht. Das wird Dir klar, als Du doch mal einen Blick zurück wagst und verstehst: Es kommt etwas Gewaltiges auf Dich zu. Da ist Deine Hose rückwärtig bereits platternass und Deine Oberschenkel sind zu Eis gefroren. Es passiert – das ist ein kosmisches Gesetz – etwa auf halber Strecke. Vor oder zurück ist nun egal.

 

Unwetter

 

Es ist eine Sache von Sekunden. Der Regen verwandelt sich in einen Wolkenbruch, Deine Jacke in etwas Funktionsloses und jetzt gibst Du´s endlich vor Dir und der Welt zu: Du hast Dich ganz gehörig verkalkuliert. Der nächste Strandzugang ist Deiner. Du galoppierst den ewig langen Dünenweg zurück Ellenbogenstraße, schneller als Du es je für möglich gehalten hättest.

 

Ganz kurz vorm break-even point

 

Und da stehst Du nun in einem kleinen Unterstand am Parkplatz. Jedenfalls im Trockenen. Allerdings vollkommen durchnässt. Der Regen – ein weiteres kosmisches Gesetz – stoppt etwa 1 Minute später.

 

Regen

 

Aber frieren tust Du eigentlich nicht. Dafür bist Du wohl zu schnell gelaufen. Der schlimmste Moment, fällt Dir wieder ein, ist immer der, bevor man vollkommen durchweicht. Das hattest Du schon in Kindertagen gelernt – Du hattest es nur vergessen. Genau wie das wunderbare Gefühl danach.

 

Nordsee

 

Da niemand außer Dir so unklug war, während des Unwetters rauszugehen, kann jetzt auch niemand außer Dir erleben, wie der Wind die Wolken fortjagt. Am Strand gibt es nur Dich und die Sonne und wenn Du Schwein hast einen Schweinswal, denn der Sylter Weststrand gehört zum ersten Wal-Schutzgebiet Europas. Ganz schön viele Dinge, die glücklich machen.

 

Return on Invest: Aufwärmen bei Königs

 

Von der Aussichtsplattform auf dem Ellenbogenberg, beobachtest Du, wie die ersten Gäste vor die Tür der Weststrandhalle treten. Die armen Leute, denst Du. Sie haben das Beste verpasst. Und dann machst Du Dich selbst auf zu Königs, um die vielleicht leckerste heiße Schokolade Deines Lebens zu trinken. Du hast sie Dir redlich genug verdient.

 

Ellenbogenberg

 

Mehr Tipps für Sylt bei Regen

 

Falls Dich das Konzept vom Rausgehen bei Regen nicht überzeugt, schau doch mal bei Genussbummlerin Ina vorbei. Den ersten 3 ihrer Schietwedder-Empfehlungen schließe ich mich absolut an.

 

List

 

PS.: Regelmässige LeserInnen könnten annehmen, dass wir gerade auf Sylt sind. Sind wir aber nicht. Vielmehr bereite ich mich gerade auf eine andere Nordseeinsel vor. Das Barometer steht auf Regen. Insofern: Alles wird gut!

17 Kommentare

  1. Hallo ihr beiden,
    vielen Dank, daß ihr meinen Artikel verlinkt habt.
    Ich erinnere mich auch noch gut an so einen Spaziergang. Ich war am Morsumer Kliff, es wurde immer dunkler bis es dann plötzlich wie aus Eimern schüttete. Ich war pitschnaß und froh, als ich wieder im Auto war. Nach insgesamt 10 Minuten hörte der Spuk auf und die Sonne schien wieder. Aber das ist das schöne dort.
    Lieben Gruß
    Ina

  2. Hallo Stefanie,
    ich habe gerade ganz schön intensiv miterlebt. Mitgelitten und – viel wichtiger – mitgenossen! ^^ Schon erstaunlich, wie schnell sich der Himmel verändert, wie fix der Regen über einem ist und wie schnell er andererseits auch wieder endet.
    Die Fotos sind herrlich! Ich glaube, es wiegt doch eine ganze Menge Schietwedder auf, wenn einem im Gegenzug diese Aussicht, diese Umgebung und solches Licht (zumindest zwischendurch) geboten wird.
    Ich klammere lediglich die halb erfrorenen Oberschenkel in pitschnassen Hosenbeinen aus. 🙂

    Nun bin ich schon gespannt, auf welche andere Nordseeinsel es dich demnächst verschlägt und freue mich sehr auf weitere Beiträge aus deiner Feder, die sich für mich unheimlich gut lesen lassen und immer viel Interessantes auf angenehm lockere Art vermitteln.

    LG Michèle

    • Danke Dir, Michèle. Mir geht es oft so, dass gerade ich gerade im Kontrast das Gute intensiver erlebe. (Ohne halb erforene Oberschenkel und pitschnasse Hose geht es nur leider nicht. Es sei denn man hat eine Regenhose. Was laut Mariannes Kommentar ja auch ein zweifelhaftes Vergnügen zu sein scheint). Schönen Abend und einen lieben Gruß, Stefanie

  3. Frohes neues Jahr Stefanie,
    – pitschnasse und halb erfrorene Oberschenkel, weil man mal wieder ohne Regenhose losgelaufen ist, unverbesserlicher Optimist, der man nun einmal von Natur aus ist.
    – mit Regenhose hätte man jetzt auch nasse Oberschenkel, nämlich vom Schweiß innerhalb des atmungsaktiven Materials. Also was soll’s.
    – die Daunenjacke, die ja auch tatsächlich keine Regenjacke ist, wie man eigentlich weiß, ist nicht mehr fluffig, sondern platt und schwer.

    Und trotzdem ist da am menschenleeren Strand mit dem zauberhaften Licht und den meterhohen Wellen ein Moment größten Glücks.

    Ich fühle es förmlich.
    Danke für den tollen Blogbeitrag zum Jahresauftakt.

    Windige Grüße
    Marianne

    • Liebe Marianne, da erkennt man doch gleich die Sylt-Spezialistin. Hast Du eine Regenhose. Ich habe schon drüber nachgedacht, weil wir im Frühjahr wieder nach England wollen. Schweiß innerhalb des atmungsaktiven Materials klingt allerdings auch nicht richtig erstrebenswert… Vielen Dank für Deinen Kommentaur und liebe Grüße, Stefanie

  4. Hallo Stefanie,
    mal unabhängig davon, dass ich deinen Blog sehr gerne lese, weil er mir eine Menge Anregungen bietet, meine Wahlheimat im Norden zu erkunden: Ich bewundere deine Art zu schreiben! Kurzweilig, humorvoll und lebendig! Das musste ich mal loswerden.
    Ich wünsche dir eine schöne Zeit auf der Nordseeinsel!

    Beste Grüße,
    Patrick

  5. Sehr schöner realistischer Blogartikel, bei dem ich mit jeder Faser meines Körpers ganz genau wußte, was Du meinst 😉 Zwar nicht auf Sylt, aber an der Ostsee sind die Emotionen die Gleichen…..bei REGEN 😉

  6. Erst jetzt bin ich dazu gekommen, Deinen wunderbaren Beitrag zu lesen, liebe Stefanie. Irgendwie fühlte ich mich sofort n meine Kindheit zurückversetzt, als es noch völlig egal war, ob man nass wurde. Und dass der Regen immer dann aufhört, wenn man sich gerade irgendwo untergestellt hat. ? Wie so oft berührst Du mit Deinen Beschreibungen mein Herz. Das war eine kleine Zeitreise, lieben Dank dafür!

    • Du hast Recht – ein totales Kindergefühl. Wahrscheinlich tut es gerade deshalb so gut?! Vielen Dank für Deinen Kommentar und liebe Grüße.

  7. Pingback: Blogaround Dezember/Januar - HOLZ & HEFE

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