Alle Artikel in: England

Yorkshire

Dem Frühling entgegen: Tipps für die Yorkshire Coast

Yorkshire?, echote meine Lieblings-Budni-Verkäuferin und das Lächeln, mit dem sie eben noch die Shampoo- und Duschgelfläschen in Handgepäcksgröße über den Scanner gezogen hatte, bekam etwas Ratloses. Sie zögerte einen winzigen Augenblick, so als hätte sie zunächst nach einer netteren Formulierung gesucht, sich dann aber doch für die Wahrheit entschieden. Also, da beneide ich Dich jetzt ehrlich gesagt nicht. Denn wer möchte den März schon in Nordengland verbringen; konkret an der Yorkshire Coast – wo der Ostwind ungebremst auf Großbritannien trifft? Nicht die Masse, so viel ist klar.   Der Nordosten im Nordwesten: Yorkshires wilde Küste   Zwar behauptet ein englischer Wikipedia-Eintrag, es würde sich bei der Yorkshire Coast um einen weltberühmten Küstenabschnitt handeln, aber ich habe den Löwenanteil meines Lebens verbracht, ohne überhaupt von seiner Tauglichkeit als Urlaubsziel zu ahnen. Mit knapp 100 km Länge eignete sich die Yorkshire Coast eigentlich super für einen Kurztrip, wäre sie nicht so gespickt mit Highlights. Wer alles sehen will, braucht mindestens eine Woche. Wer weniger Zeit hat, muss sich entscheiden.     Tipp für Melancholiker: Abgesehen von Oscars …

Flamborough

Die weißen Klippen von Flamborough Head

Einer Theorie (unter vielen) nach leitet sich der Name Flamborough vom sächsischem Begriff Flaen – für Pfeil – ab. Folgte man diesem in geradem Flug von der charakteristischen Landspitze 700 km über die Nordsee, würde man auf Helgoland treffen.     Obwohl ich das erst später im Hotelzimmer nachlesen werde, fühlen wir uns schon an Deutschlands einzige Hochseeinsel erinnert, als wir dem Pfad vom Leuchtturm zur alten Nebelsignalstation folgen. Natürlich, die Klippen von Flamborough Head sind etwa drei Mal höher; auch sind sie nicht rot sondern weiß. Und so ist es wohl eher das Gefühl von Abgeschiedenheit und Weite, das uns an Schleswig-Holsteins Außenposten denken lässt.     Es ist nicht viel los auf dem Wanderweg zwischen den Seebädern Filey und Bridlington, der die Kreideklippen auf einer Länge von 13 km begleitet. Dabei werden jetzt jeden Tag die ersten Papageientaucher erwartet. Nirgends in Britannien brüten sie in größerer Zahl als bei den höchsten Klippen des Landes.     Flamborough Outer Headland: Puffins Paradise     Papageientaucher sehen zwar drollig aus, gehören aber zu den geheimnisvollsten …

Vanilla Manchester

Immer der Musik nach: Manchester

Der Rochdale Canal Tow Path ist ein Spazierweg im Souterrain von Manchester. Er führt unter Straßen, Gebäuden und uralten Brücken hindurch, windet sich um schummrige Ecken, passiert frisch gentrifizierte Luxusappartements und Bars, Bars, Bars, Bars, Clubs, Clubs und Bars. Nachts ist hier die Hölle los. Morgens braucht man keine Menschenseele zu erwarten. Höchstens vielleicht Jack the Ripper.     Ein gutes Jahrzehnt schlug am Rochdale Canal das musikalische Herz dieser ohnehin hochmusikalischen Stadt; der legendäre (inzwischen abgerissene) Club The Hacienda. Finanziert wurde er von einer Band, die bereits in den 1970er Jahren unter dem Namen Joy Divison den Ruf Manchesters als Musikmetropole maßgeblich beeinflusste. Nach dem Tod des Frontmannes Ian Curtis benannten sich die verbliebenen Bandmitglieder aus Respekt vor ihm in New Order um. 1982 eröffnet, entwickelte sich die Hacienda schnell zum Epi-Zentrum der Rave-Bewegung, die als Madchester die britische Musiklandschaft beherrschte.     Anfang der 1990er Jahre hatte der Madchester-Sound seinen kreativen Zenit überschritten. Etwa zur selben Zeit feuerte die Rockband Rain ihren Sänger und ersetzte ihn mit einem bisher eher erfolglosen Schulabbrecher und …

Peak District

Hey Duke: Chatsworth House im Peak District

Im Anflug auf Manchester erblickt man England in Gestalt des Peak District; einem Hochland-Gebiet, das aus der Luft einer kargen Mondlandschaft gleicht; von unten betrachtet aber so lieblich erscheint wie das Auenland. Kurz hinter den Toren von Manchester City liegt Englands ältester Nationalpark mit hügeligen Weiden und Feldern durchzogen von Steinmauern, Schafen, Schafen, Schafen, Flüssen und Bächen, Bilderbuchdörfern, stillen Wälder.     Auf den baumlosen Gipfeln des Peak District lag bei unserem Besuch am 1. Mai noch Schnee. Ich denke, das ist ungewöhnlich. Denn höher als 600 Meter sind die eigentlich nicht und bei unseren bisherigen Besuchen auf den Inseln haben wir „den Norden im Westen“ immer viel wärmer wahrgenommen als „den Norden im Norden“. Doch dieses Mal war´s wirklich genau so, wie man sich England vorstellt: extrem wechselhaft und sobald die Sonne verschwand richtig kalt.     Kälte und Regen allerdings können keinen englischen Spaziergänger dazu verleiten, eine Jacke zu tragen. Offenbar kleiden sich Engländer nicht nach Witterung sondern nach Datum. Zum Spring Bank Holiday also frühlingshaft wenig Stoff und unter Röcken auf gar …

Rain Bar Manchester

Von der (Un)wahrscheinlichkeit, Manchester zu mögen

Die beiden Frauen um die 40 tragen Bademäntel über Flanellpyjamas und wirken, als hätten sie eine anstrengende Nacht hinter sich. Im Prinzip keine übergroße Sache. Es sei denn, man befindet sich im Frühstücksraum eines Mittelklassehotels. Fasziniert beobachte ich, wie die Damen in Puschen zum Buffet schlurfen. Sich Eier, Speck, Würstchen, Bohnen und gegrillte Tomaten auf die Teller häufen. Das Glas der einen gerät in gefährliche Schieflage. Orangensaft schwappt auf den Boden. Sie merkts nicht. Oder vielleicht ist es ihr auch egal. Und was mich am meisten beeindruckt, ist die Tatsache, dass niemand außer mir Bademäntel und Pyjamas im Frühstücksraum für ungewöhnlich hält. Keine Frage: Ich bin in England, dem Land der unglaublichen Outfits. Konkret in Manchester, Wiege der Industrialisierung und verbauteste aller Städte. Es ist nicht leicht hier aufzufallen. Mancunians (wie die Einwohner Manchesters genannt werden) scheren sich nicht unbedingt um Moden, (Schönheits)-ideale oder Zeitgeist. In Manchester setzt man auf Individualität.     In Manchesters Straßencafés könnte man den ganzen Tag sitzen, ohne sich eine Minute zu langweilen. So bunt ist Leben in dieser Stadt, …

An Englishman In St. Annes

Unsere letzten Stunden in Nordengland verbrachten wir in Lytham St. Annes, einem altmodischen Seebad in Lancashire. Als wir aus dem Auto stiegen, steuerte ein älterer Herr auf mich zu. Er war wie aus dem Ei gepellt. Einer von der Sorte, bei der man denkt, er habe sich ausnahmsweise fein gemacht. Vielleicht Landwirt, dachte ich. Weil er so aussah, als gehöre er zum Ensemble von „Der Doktor und das liebe Vieh“. Ob ich ihm behilflich sein könne, fragte er und zeigte zum Parkautomaten. „Ich bekomme es leider nicht hin. Ich habe so etwas nämlich noch nie bedient.“     Ich murmelte etwas von „complete stranger myself“ und hoffte inständig, dass das Ding bei mir funktionieren würde. Ich wollte diesen Herren, der noch nie in seinem Leben ein Parkticket gezogen hatte, auf gar keinen Fall enttäuschen. Er reichte mir die abgezählten Münzen. Seine Hände waren nicht die Hände eines Schreibtisch-Mannes. Das Ticket zu ziehen, bekam ich tiptop geregelt. Es war ein ganz normaler Parkautomat. Als er mich dafür überschwänglich lobte und mich „my love“ nannte und sagte, …

Blackpool Tower

Knallt mitten ins Herz: Blackpool

Mit Orten ist es wie mit Menschen: Man verliebt sich nicht zwangsläufig in die Schönsten. Manchmal sorgen gerade die Schrammen, Knicke und Unzulänglichkeiten dafür, dass man sein Herz verliert. So ist es uns mit Blackpool gegangen.     Blackpool ist die alte Lady unter den englischen Seebädern. Ihr Make-up mag fleckig geworden sein mit den Jahren und ihr Ruf zweifelhaft. Doch ihrem Charme kann man sich nicht entziehen.     Die Küstenstadt an der Irischen See gilt als Wiege des Massentourismus. Mit Beginn der Industrialisierung kamen Arbeiter aus den umliegenden Textilfabriken in Scharen.     Über Meilen und Meilen reihen sich die Amüsierbetriebe entlang der Promenande  aneinander. Doch die Arbeiterklasse urlaubt längst (all inclusive) in Südeuropa.     Der Blackpool Tower ist 158 Meter hoch. Bei seiner Einweihung im Jahr 1894 war er das höchste Bauwerk Englands. Der Boden der größten Aussichtsplattform besteht aus Glas. So kann man 116 Meter in die Tiefe schauen. In der gewaltigen Stahlfachwerkkonstruktion befinden sich  mehrere (wunderschön alte) Ballsäale, ein Kino, ein Aquarium und ein Circus.     Ein viktorianischer …

Wast Water Beitragsbild

Nordengland: Was für Helden

Tag 4 im Lake District. Und leider auch schon unser letzter. Wie an den Tagen zuvor, schauen wir am Morgen kurz auf die Karte, um in etwa den Weg abzustecken. Eigentlich ist es egal, wohin man sich treiben läßt. In den Lakes ist es überall traumhaft schön. Und schöner als gestern kann es ja  sowieso nicht werden. Allerdings haben wir das gestern auch schon gedacht. Und vorgestern. Und vorvorgesten. Und man will ja wenigstens Dopplungen vermeiden, wenn man schon nicht alles Sehenswerte sehen kann. Unser erstes Ziel ist heute Grasmere, wo der Superheld unter den Lake-Poets begraben liegt – William Wordsworth.   Der mit den Narzissen tanzt   Wordsworth gilt zusammen mit Coleridge als Begründer der englischen Romantikbewegung. Sein Gedicht über die Narzissen (engl.: Duffodils) am Ullswater kennt quasi jedes englische Kind. I wandered lonely as a cloud That floats on high o´er vales and hill When all at once I saw a crowd, A host, of golden daffodils; Beside the lake, beneath the trees, Fluttering and dancing in the breeze.   Das beinahe runde …

Im Herzen des Lake Districts

Etwa in der Mitte des Lake Districts schimmert der Derwent Water wie ein Osternest im Frühlingsgarten. Mit seinen Inseln, bewaldeten Uferhängen und Wasserfällen ist er für mich der schönste See im Nationalpark. Man kann ihn umfahren, umwandern oder mit dem Boot entdecken. Man kann sich auch in direkter Nähe einmieten – für größeres oder kleineres Geld – oder einfach nur still an seinem Ufer sitzen. Hauptsache man nimmt sich Zeit für den Derwent Water und das gesamte Borrowdale.     Tag 3 im Lake District   An einem Sonntag im März machen wir uns relativ früh auf, um den Derwent Water aus der Vogelperspektive zu betrachten. Die Wanderung auf den Mini-Mountain Catbells ist ein echter Klassiker. Reiseliterat Alfred Wainwright beschrieb Catbell in seinem siebenbändigen Standardwerk Pictorial Guide to the Lakeland Fells als … one of the great favourites, a family fell where grandmothers and infants can climb the hills together. A place beloved.   Im Frühtau zu Catbells   Folgt man Wainwrights Beschreibung besteigt man den Catbells von Skelgill aus. Wer mit dem dem Auto …

Early Birds & St. Bees

Tag 2 im Lake District: Der erste Morgen an einem fremden Ort, gehört für mich zu den schönsten Momenten auf Reisen. Kein vernünftiger Mensch springt so früh aus dem Bett wie ich. Darum kann ich das Neue meist ganz ungestört auf mich wirken lassen. In Bassenwaithe sieht vorm Fenster schon mal alles recht vielversprechend aus. Nix wie raus also in die Frühlingsfrische.