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Für Freunde der Empfindsamkeit: Biosphärenreservat Schaalsee

Schaalsee

Ich gehöre noch zu der Generation, die an der Autobahnausfahrt Zarrentin, nicht an den Schaalsee sondern an die DDR denkt. Denn genau hier lag der Grenzübergang nach Berlin. Ich kann mich noch genau an die Monsteranlage erinnern und an die gedrückte Stimmung im Auto und maximal unfreundliche Grenzer. Jüngeren Menschen oder solchen, die damals nicht regelmäßig die Weltreise nach Berlin antraten, kann man das kaum vermitteln.

Selbst mir kommt die jüngere Vergangenheit ganz irreal vor. Oder auch unwichtig. Ein Wimpernschlag nur in der Geschichte. Glücklicherweise ist es ja heute schon so, dass der frühere Todesstreifen mehr als Naturparadies wahrgenommen wird, weil er über Jahrzehnte beinahe unberührt blieb. So auch am Schaalsee, durch den die Grenze etwa mittig verlief.

 

Zarrentin

 

Zarrentin gehört heute zur Metropolregion Hamburg. Und da hätte die kleine Gemeinde leicht das gleiche Schicksal treffen können wie so viele Orte in Brandenburg. Ich meine, den Ausverkauf der Seeufer (an neureiche Berliner). Pläne dafür gab es durchaus. Aber zum Glück ist das hier anders. Wo man an den Schaalsee nicht rankommt, geschieht das meist zum Schutz von Flora und Fauna. Und dafür tritt man ja viel lieber in die zweite Reihe als für Protzvillen.

 

Zarrentin am Schaalsee

 

Der Schaalsee, das sind eigentlich neun miteinander verbundene Seen, ungeheuer tief, unheimlich sauber und von keiner Stelle in Gänze zu überblicken. Möchte man sich einen Gesamteindruck verschaffen, ist eine Radtour die beste Idee. Räder kann man etwa im Pahlhuus leihen, dem Infozentrum des Biosphärenreserverats in Zarrentin.

 

 

Eine ganze Runde um den See beläuft sich auf gute 45 km. Wem das zu viel ist, dem sei Lassahn empfohlen. Das sind nur 9 km; also auch für eine Wanderung ganz gut geeignet. Wer das Auto bemühen möchte, stellt es am kleinen Parkplatz neben der Kirche ab und schlägt sich über einen Trampelpfad wieder an den See hinunter. Denn da wartet etwas ganz Besonderes.

 

Lassan

 

Die Insel der froheren Einsamkeit

 

Die mini-kleine Stintenburginsel ist quasi eine Übergangsinsel zur größeren Insel Kampenwerder. Der Dichter Friedrich Gottlieb Kloppstock hat sie in einer Ode verewigt. Die Lassahner wiederum haben ihm eine Eiche als lebendes Denkmal gesetzt. Die Kloppstock-Eiche befindet sich direkt an dem Dammweg hinüber zur Insel

 

Sommer

 

Insel der froheren Einsamkeit
Geliebte Gespielin des Wiederhalls
Und des Sees, welcher ist breit, dann, wieder versteckt
Wie ein Strom, rauscht an des Walds Hügeln umher…

 

Allee

 

Das Gut Stintenburg befindet sich seit 1740 im Besitz der Familie Bernstorff, mal abgesehen von den Jahren in denen zunächst Nazis, später die Stasi hier hausten. Vor einigen Jahren eröffnete Johann Graf von Bernstorff im alten Brückenhaus ein Restaurant. Es ist wunder-, wunder-, wunderschön und ich wollte mit diesem Artikel eigentlich warten, bis es aus der Winterpause erwacht. Aber wenn ich es richtig interpretiere, steht in den Sternen, ob und wann das passiert. Ich verfolge es mal auf fb.

 

 

Ich nehme an, Kloppstock läge lieber auf der Stintenburginsel begraben als in Ottensen. Als Vertreter der Empfindsamkeit war er für Disziplinierung und Zivilisierung nicht zu haben sondern hielt es mehr mit überschwänglichen Gefühlen und Lesesucht. Und als undiziplinierte, lesesüchtige, überschwängliche Sinnesgenossin kann ich sagen: Stintenburg fühlt sich an wie das Kirschblütental der Gebrüder Löwenherz.

 

 

Das Brückenhaus ist übrigens nicht die einzige Spitzenlocation am Schaalsee. Überall finden sich schöne Einkehrmöglichkeiten, in denen viel Wert auf regionale und fair-trade Produkte gelegt wird. Bio-Qualität ist fast schon selbstverständlich. U.a. auch im Seeblick Lassahn. Dort sitzt man auf dem Dach (!) des Pavillons mit großartiger Aussicht auf den Schaalsee.

 

Pusteblumen
Fazit: Das Biosphärenreservat Schaalsee ist außergewöhnlich. Die Gegend sieht zwar aus wie aus der Zeit gefallen. Geht in Wahrheit aber mit gutem Beispiel vorn.

23 Kommentare

  1. Hach, du rufst die allerschönsten Erinnerungen wach, liebe Stefanie – und erinnerst mich daran, dass der nächste Ausflug zum Schaalsee überfällig ist! Aber, was schreibst du: Das Brückenhaus hat geschlossen? Doch nicht für immer!?!

    • Hallo, liebe Maren, ich weiß es nicht. Es ist halt immer noch in der Winterpause… es klingt irgendwie traurig. Einen schönen, längsten Tag wünsche ich Dir und liebe Grüße; Stefanie

  2. Liebe Stefanie,

    45 km mit dem Rad…das wäre doch eine schöne Tour und da ich noch nie am Schaalsee war 😉
    Da danke ich vielmals für den guten Tipp!

    Liebe Grüße an dich

    Eva

  3. Mehrmeer sagt

    Liebe Stefanie,
    vielen Dank für dieses wunderschönen Ausflugsziel! Wow, die Fotos sind -wie immer – grandios und machen Lust aufs Ausprobieren!
    Herzliche Grüße aus Eutin
    Ingrid

    • Na, immer wieder gern! Die Landschaft erinnert sogar ein bisschen an die Holsteinische Schweiz. Ist aber eben doch einen Tick anders, so dass man das Gefühl viel Neues entdecken zu können. Grüße zurück und vielen Dank für Deinen Kommentar.

  4. Juliane Jantosch sagt

    Oh meine Güte, eine wunderschöne nostalgische Badeanstalt. Was anderes passt hier irgendwie auch nicht hin, da möchte man sich bei den Verantwortlichen bedanken.

    • Süß, was? Die Badeanstalt von Zarrentin hat auch einen schönen Sandstrand. Aber der eigentliche Knaller sind die kleinen verschwiegenen Badestellen außerhalb der Orte. (Ich bedanke mich dann übrigens bei der Verantwortlichen für den Kommentar).

  5. Wie wunderschön!
    Geradezu paradiesisch und märchenhaft, so wie aus der Zeit gefallen……hach.
    Die atmosphärischen, stillen Sommerbilder erinnern mich an meine Kindheit.
    Herrlich.

    • Vielen Dank, Rosie. Dann haben wir die Stimmung offenbar gut eingefangen. Es IST dort nämlich tatsächlich noch ein bisschen wie früher.

  6. HannoverblickOst sagt

    Schönes Ausflugsziel. Strahlt wirklich viel Ruhe aus. Ich hoffe in HH ist nach dem Unwetter von gestern alles gut? LG Simone

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